Theatergrundsatz

  In einer Diktatur, die das freie Theater (wie jedes unabhängige Denken und Handeln) als Abweichung von der reinen Lehre betrachtet, schöpft es seine Kraft aus dem Widerstand durch Echtheit. "Der Kaiser ist nackt", sagt das Theater wie Andersens Kind, indem es sich ideologischer Vereinnahmung durch Wahrhaftigkeit entzieht. Schwerer zu fassen, aber ebenso existentiell sind die Widerstände in unserer Konsumdemokratie, charakterisiert durch das mediale und außermediale Bombardement mittels einer Ideologie, die Käuflichkeit und Verkäuflichkeit als zentrale Werte ausgibt. Es ist wichtig für das Überleben der Gesellschaft, dem allgegenwärtigen Druck zum Konsumieren ein Theater entgegenzusetzen, das nicht konsumierbar ist, sondern wahrhaftig. Der Woge der Fast-Food-Kultur, der Flut glatt gestylter Oberflächendarstellungen Bilder entgegenstellen, die die Imaginationskräfte der Zuschauer nicht abstumpfen, sondern wecken. Es ist wichtig, Geschichten zu erzählen, Sinne und Empfindungen zu schärfen für das, was sich unter der Oberfläche verbirgt, die Zuschauer zum Nachdenken, zum Nachempfinden zu bewegen, das Verständnis für die eigene Situation zu schärfen. Demokratie braucht Zeichen, Bilder, braucht Theater, um nicht unter dem Diktat kommerzieller Interessen abzustumpfen bis hin zum Kollaps. Theater pinkelt Spuren in den Schnee. Wenn sie deutlich genug zu sehen sind, hat die Gesellschaft die Chance, derer wir alle bedürfen, selbst wenn wir uns dessen nicht immer bewußt sind.

Tod durch Kastration
Der schläfrige Choleriker Nobel
 
Oben und rechts: Das Stück "Reineke Fuchs" frei nach Goethe von Hartmut Mechtel und Gabriele Hänel, Regie Gabriele Hänel, auf den Bildern mit Günther Lindner in der Titelrolle und Hartmut Mechtel als König Nobel und als Isegrim, 80mal gespielt, jetzt nicht mehr im Programm, war erfolgreich bei Publikum und Presse.
Der gewalttätige Looser Isegrim

 

Rechts: Der betrunkene Caesar aus Paul Scheerbarts Miniatur "Julius Caesar von Afrika" (Probenforto). Sechs Minidramen und andere Texte Scheerbarts wurden in der Inszenierung "In der 13ten Epoche der allgemeinen Begeisterung" aufgeführt, zunächst im Theater o. N., dann - in Neuinszenierung - am Kammertheater Neubrandenburg. Hartmut Mechtel als Caesar, Günther Lindner als sein Adjutant Petermann. Nicht mehr im Spielplan.
Der betrunkene Caesar auf dem Weg zur Eroberung von Kreuzberg

 

Plakat von Hartmut Mechtel zu "Mare Crisium"
Gelesener Liebesakt

Oben: Das Plakat zur Aufführung und: Ania Michaelis & Hartmut Mechtel in "Mare Crisium" - Szenen zu Arno Schmidt. Regie: Steffen Kaiser. Ein Ausflug ins Wort-All, Lesung und zugleich Theater.

Nicht mehr im Spielplan. Nur noch Gastspiele möglich.

Und hinein in die Herberge des Abu Mansur : da war es schlank & feucht. Närfnköpfe schtecktn aus allen Wänden; es schpannte & roch; seelich & groß; das taube Feuer murmelte geschäftijer; grünlich & schweer, wie jene 46ijer Kuchn aus Maismehl; krußtich; und der goldbraun sickernde feuchte Zucker jener Tage; die Kertzn, weiß & nackt & schteiff & schtumm, sie warfen ruckartich die Flammenköpfe, Schpitzköpfe, immer nach derselb=diskreetn Seite;
(und des Schweißes der Edlen war kein Ende, es nimmt ja auch nicht Wunder : fümf Jahre hälz Herz noch, hat Derarzt tackßiert).
(Jetzt wurde auch Sie wakker; gantz Odempummpe; und packte mit Beinen zu; (leider=wie-immer etwas schpät : schon addiertn entzückenzde Jucke, gans Hokusai, sich zur Wooge, zum aspersten ßpiritus 'chDuu=h' !!!). / (Unt zurück : nur enthauptete
Frösche begatten noch die Partnerinn bis zu Ende : Der bin ich nicht '. Ich vergeß Joyce's Tochter nie !). / (Und die Frauenfaust blieb getreu bis zuletzt. Die musterzeichnende Hant vom Schlangenschaum glitzernd; (App=Waschn; Ap=Schpülen; Ab=trocknen schloß sich an)
"Nawarsschön ?"
(Aus: "Kaff auch Mare Crisium" von Arno Schmidt

 

Fragen Sie ruhig, ich weiß alles!

Links: Szene "Schulstunde" aus Love's Labour's Lost

Im Theater o.N: Love's Labour's Lost (Minne, Mangel und Maloche) von William Shakespeare.

Nachbemerkung im Sommer 2001: Aus finanziellen Gründen war es mir nicht möglich, zwei Berufen nachzugehen, die beide wenig bis gar kein Geld bringen. So habe ich denn einen Lohnjob angenommen und dafür - nicht leichten Herzens - das Theater aufgegeben. Es wird (auf absehbare Zeit oder gar für immer) keine neuen Inszenierungen mit mir mehr geben. Also hat diese Seite nur noch nostalgische Bedeutung.


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