Im Schriftstellerheim Petzow durften junge Autoren
eine Woche wohnen, die mit Spaziergängen in die Natur am Schwielowsee,
vor allem aber mit dem Vorlesen und der Diskussion der eigenen Manuskripte
sowie dem allabendlichen Besäufnis gefüllt wurde. Man hatte
uns – warum auch immer – ein gemeinsames Zimmer zugeteilt.
Otto verschwand relativ früh aus der Abendrunde, bei der außer
Saufen auch Kettenrauchen auf der Nachtordnung stand. Er war Nichtraucher
und Frühschläfer. Als ich gegen Mitternacht in meinem Zimmer
eine Schachtel Cabinet aus meinen Vorräten holen wollte, schlief
er bereits. Ich verschwand schnell zum Weitersaufen. Gegen 2.30 Uhr
zu Bett. Um 5 saß Otto im Bett und biss in einen Apfel, dass es
krachte. Damit war auch meine Nacht beendet. Am Vormittag gingen wir
zum Heimleiter und sagten ihm, dass wir nichts gegeneinander haben,
eher im Gegenteil, aber wir können unmöglich in einem Zimmer
wohnen. Das sah er ein und brachte mich in einem kleinen Zimmer unter;
so hatten wir beide Einzelzimmer. Wir sahen uns jeden Tag, liefen zur
Schinkelkirche und zum Schloss am Schwielowsee, saßen im großen
Raum, lasen unsere Texte vor, diskutierten. Dann erkrankte ein Jungautor,
den Otto kannte; ich als Autobesitzer fuhr uns zum Krankenbesuch nach
Potsdam. Dass wir auf keinen Fall in einem Zimmer wohnen konnten, ansonsten
aber viel Zeit miteinander verbrachten und dabei über vieles (Literatur
und Politik) ähnliche Ansichten hatten (und wenn nicht, konnten
wir ohne Streit darüber reden), ließ uns im Idyll an der
Havel Freunde werden.
Von Otto erschienen kurz nacheinander
mehrere Bücher, darunter für den Urania-Verlag der vierte
Band über Entdeckungsgeschichte (der Autor der ersten drei Bände
war überraschend verstorben, Otto durfte drei weitere Entdeckerbücher
schreiben. Das wurde gut bezahlt. Sein ihm selbst wichtigstes Buch "Papiersterne"
(spielt 1968 in Paris: ein DDR-Bürger erlebt die Studentenrevolution
{Otto war 68 vor Ort}) wurde aus der Ferne des Verlags beargwöhnt.
Sein Lektor "Otto Matthies", schreibt Otto, "hatte die
grandiose Idee, das Manuskript zur Begutachtung an Hartmut Mechtel zu
schicken, von dem er wußte, daß er mit mir befreundet war.
Die Sache war dadurch legitimiert, daß Hartmut häufig Gutachten
für diesen Verlag schrieb. Auch bei meinem Amazonas-Roman war er
der Außengutachter gewesen. Er wurde später als Autor von
Sci-Fi-Texten und Kriminalromanen sehr bekannt." Sehr bekannt?
Naja ...
Irgendwann fiel dem Cheflektor
des Verlags auf, dass Otto mit den Pariser Anarchisten sympathisierte
und gelegentlich über die reinliche Schüssel des Maximus-Lenimus-Eintopfs
lästerte, statt brav zu löffeln. Er wurde einbestellt, der
Cheflektor kritisierte ihn und forderte Veränderungen. Das von
heute aus abstrus wirkende Gespräch hat Otto für seinen autobiografischen
Roman "Selfie mit Blockhaus" rekonstruiert (siehe Ottos Homepage:
https://ottoemersleben.wordpress.com/).
"Am Schluß wurden vier Tage verschärften Teetrinkens
beim Cheflektor daraus." Immerhin erschien der Roman, leicht entschärft.
Die Schuld, dass Ottos Linienuntreue erst im letzten Moment bemerkt
wurde, lud der Chef auf meine Schultern ab: 'Das euphorische Lektorat
von Mechtel hat uns fehlgeleitet', erfuhr ich aus dem Verlag und verlor
meinen Job als freier Gutachter, nicht lange, denn die Lektoren der
Unterhaltungsbranche unterliefen das Verbot des Chefs. So wurde ich
Gutachter für Krimis, Science Fiction und Abenteuerromane. Mein
Gutachten war übrigens nicht (nur) unserer Freundschaft wegen euphorisch,
sondern weil ich "Papiersterne" für ein gutes Buch hielt.
Ottos Datsche im Fläming war der Ort,
an dem wir Dirck van Belden zur Welt brachten.
Teil 2: Wie wir Dirck wurden
Mein greiser IFA F8 kündigte mir die Gefolgschaft. Ich hatte kein
Geld, mir einen neuen Gebrauchten zu kaufen. Mit Gutachten und Rezensionen
hielt ich mich über Wasser, meine Belletristikversuche scheiterten.
Otto hingegen hatte mehrere Bücher veröffentlichen können.
Er hatte genug Geld, mir 6.000 Mark als Beihilfe für den Kauf eines
gealterten Moskwitsch 412 zu borgen. Uns war klar, dass ich in näherer
Zeit nicht genug für die Rückzahlung verdienen würde.
Otto hatte einen Szenaristenlehrgang bei der DEFA besucht. Man erwartete,
dass er nunmehr in der Lage sei, ein Filmdrehbuch zu schreiben. Da sagte
er (sich und mir): Film bringt Geld. Und er beteiligte mich an der Arbeit.
Wir entwarfen eine abenteuerliche
Story aus alten Zeiten. "Die Glocke von Vineta" hieß
der erste Entwurf. Ein junger arabischer Kaufmann segelt, verlockt vom
damals bereits legendären Reichtum Vinetas, nach Westen, dann nach
Norden bis zum Fürstentum Rügen. Das mit dem Reichtum klappt
natürlich nicht, er verliert Schiff und Ladung und gerät schließlich
in den Konflikt der Nachbarstädte Stralsund und Schadegard. Die
Stralsunder Patrizier mochten die Konkurrenz von nebenan nicht. Wizlaw
II., der Rügener Fürst, stimmte "seinen geliebten Stralsunder
Einwohnern" (wörtlich!) zu, die Nebenstadt zu zerstören.
Es gibt nur zwei Dokumente, in denen der Name Schadegard vorkommt. Der
fürstlichen Urkunde von 1269 folgte zwei Jahre später ein
Dokument, das dem Stralsunder Gärtner die Bewirtschaftung des Schadegarder
Friedhofs überlässt. Das bedeutet, die Stadt existierte 1271
nicht mehr. Und mittendrin lebt, liebt und kämpft der Entdecker
aus dem Morgenland (das es als deutschen Begriff in der Mitte des 13.
Jahrhunderts noch nicht gab; erst Luther übersetzte, die Besucher
Jesu seien drei Weise aus dem Morgenland gewesen). Seitdem sehen wir
am Abend gen Morgen. Der Filmvorschlag stieß nicht auf die Begeisterung,
die wir erhofft hatten. Immerhin war ich nun in der DEFA-Dramaturgie
so bekannt, als hätte ich Otto bei seinem Lehrgang begleitet.
Ich schlug der DEFA sofort nach der Ablehnung
ein neues Projekt vor, die Verfilmung von Ottos Papiersternen. Daran
arbeitete ich allein (nach Beratungen mit Otto), doch hatte die DEFA-Dramaturgie
noch immer nicht ihre Liebe zu uns entdeckt. Aber ich flog nicht raus
und durfte weitere Filmskizzen entwerfen. Und sehr langsam lief es besser.
Skizzen wurden zu Exposés geweitet, den Exposés folgten
Treatments, jede Etappe wurde gut bezahlt, obwohl ich nur zweimal ein
Szenarium schreiben durfte: Alles wurde letztlich abgelehnt, aber gut
bezahlt. Inzwischen erschienen auch ein paar meiner Erzählungen
in Anthologien, die ersten beiden Kriminalromane machten sich auf den
Weg. Und Otto hatte sowieso weiterhin Veröffentlichungen, auch
wenn manche seiner Bücher es schwer hatten, sich an der Zensur
vorbeizudrängeln. Aber der "Wir werden von Morgenländern
entdeckt"-Stoff ließ uns nicht ruhen. Wir setzten uns ein
paar Tage in Ottos Datsche zusammen und weiteten den Filmvorschlag zur
Fernsehserie aus. Abgelehnt. Wir schlugen für die Rolle des arabischen
Helden den vielleicht beliebtesten Schauspieler des Landes, zumindest
den beliebtesten Indianerhäuptling-Darsteller vor, der auch in
zwei westdeutschen Karl-May-Filmen Indianer gespielt hatte, ehe ihn
die DEFA entdeckte (Gojko Mitic, geboren in Jugoslawien). Die Geschichte
handelt - auch - von Ostseepiraten, aber der bei Funktionären beliebte
Klaus Störtebeker kam nicht vor, das würden die da oben nicht
haben wollen, sagte der Dramaturg.
Wir waren von der Qualität unserer Story überzeugt und gaben
nicht auf. Dann schreiben wir eben das Buch zum nie gedrehten Film!
Wieder trafen wir uns in Setzsteig, meist saßen wir im Freien,
ich konnte Kette rauchen, ohne Otto zu belästigen. Wir stellten
schnell fest, dass die Fernsehserie so genau entworfen war, dass sie
als Grundlage für unseren Roman dienen konnte. Ein historischer
Abenteuerroman, auf dessen Titel zwei Autorennamen stehen, wirkt nicht
hinreichend seriös, dachten wir und suchten ein gemeinsames Pseudonym.
Englisch? Nee, das machen alle, nee. Ich war gerade auf einem inneren
Niederlande-Trip (plante einen historischen Stoff und lernte die Sprache),
so wählten wir für den Vornamen einen niederländischen
Entdecker: Dirck Hartog (in unseren Quellen stand er mit ck) hatte als
zweiter Europäer Australien betreten und die Westküste kartografiert.
Hingelangt war er, indem er sich gründlich verfahren hatte. Das
passte. Dirck van also. Und weiter? Irgendwann scherzte Otto: "Wir
wollen doch in Bälde fertigwerden. Nennen wir uns Dirck van Belden."
Sofort wussten wir, dass das unser Name sein musste. Wir hatten einen
ähnlichen Humor.
Nun teilten wir auf, wer welches Kapitel schreibt, immer im Wechsel.
Dann reisten die beiden Dircke ab, Otto nach Greifswald, ich nach Potsdam.
Und wir schrieben wie im Rausch. Zwei Tage reichten für ein Kapitel.
Das fertige Kapitel wurde zur Post gebracht (die E-Mail war noch nicht
erfunden oder zumindest nicht bis in die DDR vorgedrungen) und als Eilbrief
dem anderen Dirck überbracht. Bis auf die beiden ersten Kapitel
wurden alle Briefe zuverlässig am Morgen nach dem Absenden zugestellt.
Die zwei ersten Briefe wurden vermutlich in einer verschwiegenen Behörde
geöffnet und gelesen, wir beide waren ohne unser Wissen einer 'operativen
Personenkontrolle' unterworfen Dann begriff die Stasi, dass wir keine
aufrührerischen Schriften austauschten, sondern einen historischen
Roman verfassten. Fortan wurde die Eilzustellung der dicken Briefe nicht
mehr behindert.

Dirck van Belden selbdritt: Dirck (O), Dirck
(H ), Dircks Strandrecht
Nach etwas über einem Monat intensiver Arbeit
hatten wir es geschafft. Da wir vor dem Weiterschreiben stets die Kapitel
des anderen genau studierten, entwickelten wir einen verträglichen
Stil, gegenseitige Korrekturen waren kaum notwendig, und die Spezifika
der Geschichte hatten wir beide studiert. Mehr als 20 Jahre später
lasen wir (unabgesprochen, doch relativ gleichzeitig) in unseren alten
Werken. Otto las Mechtel, ich las Emersleben. Und beide lasen wir van
Beldens Roman. Im April 2021 mailte mir Otto (unter anderem): "...
Zwei Dinge haben mich überrascht: 1. die Homogenität des Textes.
(Nur an ganz kleinen Besonderheiten lässt sich der Autor des Texteabeschnitts
festmachen) und 2. dass ich ausser der grossen Storyleine mich an kaum
ein Detail der Story erinnern konnte. Ja, die Vergreisung schreitet
unaufhaltsam fort. – Strandrecht ist und bleibt ein gutes Buch.
Das walte Dirck."
Teil 3: Das walte Dirck
Ab 1988 waren wir Dirck. Bei Begegnungen,
am Telefon, in Briefen, ab 1998 auch in Mails, redeten wir das alter
ego als Dirck an. Doch gibt es nur ein Buch, das Dirck van Belden verfasst
hat. Die Verlage sträubten sich, unseren nome de plum auf die Cover
zu drucken. Sie wollten unsere angeblich echten Namen verwenden.
Es gab noch zwei van Beldens, bei denen Dirck totgeschwiegen wurde.
Unser zweiter Belden waren J.F. Coopers Lederstrumpferzählungen.
Zur Zusammenarbeit kam es mal wieder durch einen außerliterarischen
Zufall. Otto war vom Verlag Neues Leben beauftragt worden, alle fünf
Romane neu zu erzählen: Knapper als das (oft weitschweifig genannte)
Original, doch werkgetreu. Mit der Ausgabe sollte Cooper zu seinem 200.
Geburtstag geehrt werden. Nun hatte Otto aber bei einer Dienstreise
in die USA zu einer Tagung über deutsche Literatur eine Germanistikdozentin
kennengelernt, der er unbedingt so schnell wie möglich wieder begegnen
wollte. Helen Cafferty lehrte am Bowdoin College in Brunswick/Maine.
An der nämlichen Universität
hatte ein Jahrhundert früher der (heute) berühmte Robert Edwin
Peary vier Jahre lang studiert. Über den Entdecker des Nordpols
konnte ein ausgewiesener Autor der Entdeckungsgeschichte der Erde (drei
Bände!) eine Biografie schreiben, recherchieren musste Otto vor
Ort – nicht am Pol, sondern in Brunswick. Aber der Lieferungstermin
für den Lederstrumpf-Zyklus stand fest, Coopers Geburtstag konnte
nicht verschoben werden. Der erste Roman ("Wildtöter")
war fertig, doch vier weitere Romane bis zum Reisetermin zu schaffen
war unmöglich. Dirck aktivierte Dirck. Otto schrieb Band 2 und
4, ich übernahm Band 3 und 5. Danach entschwand Otto gen Maine.
Die "Lederstrumpferzählungen" erschienen Ende 1989. Da
wendete sich gerade die DDR, es gab Ungewohnteres auf den Straßen,
van Beldens Cooper fand kein öffentliches Interesse, obwohl es
ein gutes Buch ist (besser als das Original, übertreiben die Dircke
gern mal).
Otto recherchierte vor Ort Pearys
Leben und Wirken. Die Biografie erschien 1991. Kurz danach schlug ich
ihm vor, den Fortsetzungsband zu "Strandrecht" zu schreiben,
den wir beide drei Jahre früher in der Euphorie über unseren
ersten Belden kurz nach dessen Fertigstellung entworfen hatten. Asis
ibn Omar (den Vornamen hatte ich von einem syrischen Studenten übernommen,
dessen Betreuer ich beim Studium gewesen war; der Vatersname war eine
dezente Anspielung auf Hadschi Halef Omar) hat die Auseinandersetzung
der Städte Stralsund und Schadegard überlebt und sogar sein
repariertes Schiff erobert und will mit seinen Leuten (den wenigen Überlebenden
der alten Mannschaft und neuen Freunden und Bekannten) nach Palästina
segeln. Widrige Winde treiben ihn westwärts. Er gelangt nach Amerika,
genauer: nach Norumbega. Das ist eine sagenhafte Stadt, in der entweder
Indianer oder Wikinger siedelten; sie gilt als Eldorado Nordamerikas.
In Bangor/Maine hat man die Legende durch eine Halle, später einen
Turm geehrt. Und ein Dirck lebte inzwischen in Bangor. Otto war durchaus
angetan von der Idee, unseren Asis nun auch noch Amerika entdecken zu
lassen (vor den Fahrten von Columbus und Amerigo Vespucci).
Trotzdem wurde nichts aus dem
Projekt. Otto hatte nach Querelen mit dem alten Verlag die Strandrechte
erobert; er wollte das Buch in einem neu gegründeten Mecklenburger
Verlag reanimieren. Der Verlag geriet auf dem sturmgegepeitschten Westozean
in Seenot. Und es war wohl nicht die klügste Idee, den zweiten
Band zu einem Roman zu schreiben, den es längst nicht mehr gab.
Die Reihe "Spannend erzählt" war auch verschwunden. Und
die Welt wartete wohl auch nicht auf den neuen Belden. Generell ging
es in den ersten Jahren nach der Vereinigung den Verlagen und vielen
Autoren aus Ostdeutschland nicht blendend. Die neueren Werke der Dircke
wurden immerhin gedruckt, allerdings in lächerlichen Auflagen.
Meine wenigen vor 1989 gedruckten Texte hatten immerhin eine Gesamtauflage
von einer Dreiviertelmillion, Ottos Bücher hatten mit Sicherheit
die Million weit überschritten. Als wir Westler (gar Amerikaner)
wurden, galten 2000 verkaufte Bücher fast schon als Erfolg. Das
Honorar verirrte sich im Nebel.
Ich war inzwischen beim Argument Verlag Hamburg gelandet. Für dessen
"Zweite Reihe" wurde mir eine Übersetzung aus dem Amerikanischen
angetragen. Ein Fall für van Belden, da der halbe Dirck unter Amerikanern
lebte. Ich konnte gut englisch, hatte bereits vorher übersetzt,
aber bei einem sich übermütig gebärdenden Roman über
schwule Baseballspieler und lässige Alltagssprecher schien mir
die Mitarbeit eines echten Mainers (der im Unterschied zu mir sogar
schon mal ein Baseballspiel live gesehen hatte) eine gute Idee zu sein.
Obwohl uns der Atlantik trennte, konnten wir gut zusammenarbeiten. Otto
entzifferte den Roman für mich auf Tonband, ich las den Text gleichermaßen
und übersetzte ihn nach Dircks Vorarbeit, wobei ich, um den Text
zu verbessern, sogar eingriff und die Reihenfolge zweier Kapitel änderte
und für viele (hierzulande kaum verständlichen) Scherze und
satirische Details des Originals deutsche Entsprechungen erfand. Ottos
Frau Helen war vielleicht die einzige Leserin, die die amerikanische
und die deutsche Fassung gleichermaßen verstand. Sie sagte mir
(und meinte es ernst), dass die deutsche Übersetzung besser sei
als das Original.
Den (verbesserten, aber immer
noch ein wenig albernen) Roman "Das Baseball-Outing" als Dircks
Hinterlassenschaft an die Welt zu betrachten, ist nicht ganz abwegig.
Auf der Titelseite stehen wieder mal unsere bürgerlichen Namen.
Unter denen wir schrieben, ich hauptsächlich Kriminalromane, Otto
alles Mögliche zwischen Biografien und Zeitromanen. "Novembermärchen.
Keine bleibende Stadt" war eine Art Fortschreibung der "Papiersterne"
durch die Namen der Zentralfiguren. Horn war im ersten Buch –
1968 – quasi der Stellvertreter des Autors und des Lesers, der
mit den protestierenden Studenten sympathisierte und sogar mal auf eine
Barrikade geriet. 20 Jahre später ist er angepasst an das System
und wird gar Stasi-Spitzel. Der Thomas Helms Verlag (spezialisiert auf
Literatur über Nordmecklenburg {den Raum nahe der Ostsee}) hat
seinen Sitz in Schwerin, doch die Buchpremiere fand im Theater o.N.
statt, das ich damals leitete. Die Widmung in meinem Exemplar lautet:
"Dem Dirck vom Dircke."
In den Jahren danach sahen wir uns, wenn Otto und Helen um die Welt
reisten (ich hatte sie in Brunswick besucht, das ist lange her). Wir
schickten uns viele Mails, die oftmals von epischer Länge waren.
Ich ging einem Lohnjob nach; mein letzter Roman erschien 2002, danach
gab es nur noch (wenige kurze) Erzählungen und (noch weniger, doch
immerhin lange) Theaterstücke. Otto verfasste unermüdlich
Bücher, von denen etliche nicht auf Papier veröffentlicht
wurden. Ich las, was er schrieb, und kommentierte es. Dirck begutachtete
Dirck übers Meer hinweg. Mit anderen Worten: Dirck blieb Dirck,
auch als jeder für sich schrieb oder verstummte.
In den letzten anderhalb Lebensjahren beantwortete er keine Mails; sein
Telefon reagierte, als sei es abgeschaltet. Ich stelle mir vor, dass
er durch die Erkenntnis der Wirkungslosigkeit niedergedrückt wurde.
Er war ein guter Autor, wusste er; ich hatte ihm das natürlich
auch gesagt. Warum lasen so wenige seine Bücher, warum fassten
Verlage seine Manuskripte mit spitzen Fingern an?
Es gab freilich auch Fans. Zwei
davon gründeten 2003 eigens zur Veröffentlichung eines Emersleben-Romans
einen Verlag: Florstedt und Greis nannten sie ihn (das waren ihre Namen).
Das Buch heißt "In den Schründen der Arktik". Darin
reist Peary polwärts. Dass Peary möglicherweise nicht bis
zum Pol gelangt war, stand bereits in der Biografie. Vermutlich war
Peary Polarforscher und Schwindler zugleich. Das konnte nur ein anderer
Schwindler erzählen. Karl May hatte die Welt erst bereist, als
seine Bücher mit phantastischen Abenteuern längst verlegt
waren. Und May trifft im Roman fast jeden, der zwischen 1904 und 1910
wichtig war – Präsident Rooseveldt, den Zaren, den deutschen
Kaiser; er begegnet Raskolnikow und berät den künftigen Hauptmann
von Köpenick. Die Präsidenten all over the world berät
er allesamt. Er trifft die Polarforscherrivalen Cook und Peary; mit
letzterem wandert er, verkleidet als Eskimo, bis zum Nordpol. Alles,
was im Buch erzählt wird, ist wirklich geschehen. Nur dass Karl
May wohl nicht zugegen war. Voller Übermut wird eine und die Geschichte
erzählt. Das Buch (zugleich ein großer Spaß und Ernst,
Satire und Historie) verkaufte sich nicht gut genug, als Otto mit einem
Fortsetzungsband vorbeikam, konnte der nicht verlegt werde. Florstedt
& Greis blieb ein Einbuchverlag.
Dabei ist "Der Streit um den Nordpol" noch übermütiger
verfasst als die Schründe. Sogar Aliens kommen vor. Und eine Schamanin,
die den Geist reisen lassen und dabei den Körper mitführen
kann. Und Kaiser und Könige. May ist beim Attentat in Sarajewo
zugegen. Was? May ist doch schon 1912 gestorben. Hier überlebt
er seinen Tod, denn die Welt braucht ihn noch.
"Spuren aus dem Nichts" (immerhin als Kindle-Ausgabe zu erwerben)
schildert 'Die andere Reise' des Columbus. Würde Amerika nicht
im Weg lauern, hätte er möglicherweise tatsächlich Ostasien
erreicht. Wenn man das liest, ist man sicher, dass alles genauso geschehen
ist. Wieder einmal ist das schmale Buch ernsthaft und zugleich ein großer
Spaß. – Ottos Sachbücher lohnen die Lektüre. Die
Gegenwartsromane sind lesbar. Unsere gemeinsam verfassten Bücher
sind solide Arbeiten, der Autor Dirck van Belden war besser, als sein
Bekanntheitsgrad vermuten lässt. Mit Otto starb auch Dirck van
Belden, denn ohne Dirck kann ich nicht Dirck bleiben. Das Ungewöhnlichste
sind Ottos alternativhistorischen Texte. Gibt es noch jemanden, der
Geschichte und Satire so wild verflechten kann? Man wird seine Stimme
innerhalb der deutschen Literatur vermissen. Oder auch nicht. Seine
Nachwende-Belletristik wurde ja bereits in ihrer Entstehungszeit wenig
gelesen. Zu wenig. Ich hoffe, dass Otto eines Tages wiederentdeckt wird.
Alles andere wäre eine Vergeudung von Können.

Schlittenhunde erstürmen den Nordpol
– wie Peary, May und Belden (auf einer zeitgenössischen Grafik,
ca. 1910).
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Dank Strom ohne Brücke
lernten sich die späteren Dircke kennen.

Seine Erlebnisse im revolutionären Mai
1968 in Paris legte Otto den Papiersternen zugrunde.
Der Protagonist will oder soll auf einer Messe Planetarien verkaufen.
Fast wie im richtigen Leben, in dem Otto der Welt Filme präsentierte
statt Planetarien: Bevor er sich zum freien Schaffen entschloss, außenhandelte
Otto nicht für Karl Zeiss Jena, sondern für Original Wolfen
(ORWO).
Strandrecht ist Dircks Klassiker.
In Zeiten der Kreuzzüge freundet sich der Kaufmannssohn Asis mit
einem verwundeten jungen Kreuzfahrer an, der ihm Sagenhaftes aus seiner
Rügenschen Heimat vorschwärmt. Das Land, in dem Milch und Honig,
Gold und Bernstein fließen, will Asis entdecken. Er findet es, doch
ist es weniger toll als gehofft.
Die Anthologie mit Seeräuberstories war
kein ganz echter Belden, aber irgendwie dann doch. Der Herausgeber (das
war ich) hatte den Jungautor Otto Emersleben unter Weltliteraten gemixt.
Lederstrumpf sind fünf
Romane in einem großen Buch: Wildtöter, Der letztze
der Mohikaner, Pfadfinder, Die Ansiedler, Die Prärie. Neu
erzählt von Dirck van Belden. Mit Illustrationen von Max Slevogt.
Das Baseball-Outing ist Social
Phantasy und Gesellschaftssatire. Jn der scheinbar sauberen Welt des Baseballs
sind schwule Spieler Kassengift. Ein Clubbesitzer will viel Geld verdienen
und wird mit gemeinen Aktionen letztlich zum Wohltäter ballspielender
Gays.
Mit Robert Edwin Peary fand
Otto einen zweifelhaften Helden, auf den er später in zwei Romanen
zurückkam.
In den Schründen der Arktik:
Auf dem Cover sehen wir Robert Peary, rechts neben ihm posiert Karl May
(war der etwa wirklich dabei? Als Eskimo verkleidet?) und den friedlich
und freundlich wirkenden Leithund.
Eine Wiedervereinigung
der Dircke in Berlin.
10 Jahre später gab es eine weitere Wiedervereinigung
der Dircke in Berlin. Dazwischen und danach natürlich auch.
Ich bin viel und weit durch die Welt gereist.
Otto ist mindestens doppelt so oft wie ich in noch fernere Weiten gereist
– bis ins hohe Alter. - Hier tanzt er mit seiner Frau Helen auf
einer Hochzeit in Italien. Offenkundig haben wir alle viel Spaß.
Oder hatten ihn damals.
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