Otto Emersleben
19.4.1940 - 29.12.2025
Dirck van Belden
Erschaffen nach 1986
Entschwunden vor Neujahr 2026

 

Teil 1: In Vorbereitung auf Dirck


Am Anfang war das Wort. Ich war ein noch ungedruckter Schreibanfänger und fand als Belletristikgutachter und Literaturkritiker wertende Worte zu den Worten anderer. Otto Emersleben war ein bereits gedruckter Schreibanfänger. "Strom ohne Brücke hatte ich begutachtet, einen Roman über 350 Konquistadoren, die im Jahr 1540, begleitet von 3000 indianischen Trägern, das von Gold und exotischen Gewürzen strotzende Eldorado im Urwald entdecken wollten. Die Überlebenden (es waren nur 80 Spanier; die Indios waren geflohen, verschollen oder tot) brauchten zweieinhalb Jahre, bis sie wieder eine spanisch-indianische Stadt erreichten - Quito. Der titelgebende Strom fließt durch Ecuador und Peru: Rio Napo. Jahre später erzählte mir Otto, dass er erst nach dem Schreiben Lateinamerika besucht hatte; als brückenloser Strom war ihm der Ryck in und ab Greifswald erschienen. Er sah später den Amazonas, doch nie dessen Nebenfluss Napo. Ich hingegen war 27 Jahre nach dem Erscheinen von Ottos Strombuch nicht nur am, sondern sogar im Rio Napo. In einem Reifen ließ ich mich durch den Urwald treiben, bis ich zwei Kilometer und eine kleine Stromschnelle später auf der anderen Seite landete. Ich überquerte den Strom ohne Brücke auf der Spur von Ottos Worten. 27 Jahre vor dem Tubing im Napo hatte ich das Buch gelesen und Otto dann mein Gutachten darüber. Den mir unbekannten Autor hielt ich wegen seiner übergroßen Genauigkeit und Kenntnis historischer Details für einen pensionierten Geschichtsprofessor, der sich mit Romanschreiben ein paar Mark dazuverdient. Otto hielt mich wegen meiner übergroßen Genauigkeit und Kenntnis historischer Details für einen pensionierten Geschichtsprofessor, der sich mit Gutachtenschreiben ein paar Mark dazuverdient. Als wir uns begegneten, stellten wir fest, dass wir eher junge Wilde als ergraute Historiker waren.

 

Auf dem Titelbild (links) der Weltreisende Otto in China. Der handschriftliche Text (oben) ist die Geburtsurkunde von Dirck van Belden (Ottos Tagebuch; Eintrag vom 12.10.1986.

Auf der Homepage findet man (noch) Texte, Leserbriefe, interdirckiplinäre Mailwechsel:


https://ottoemersleben.wordpress.com/

Knappe Biografie in Wikipedia:

https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Emersleben_(Schriftsteller)

Nachruf (deutsch);

https://www.tagesspiegel.de/berlin/nachrufe/nachruf-auf-otto-emersleben-als-hatte-er-nie-woanders-gelebt-15197656.html

Nachruf (Obituary, englisch):

https://www.brackettfh.com/obituaries/Otto-Emersleben?obId=46860017#/obituaryInfo

 

Alle Fotos und Texte auf dieser (ich weiß: überlangen und doch viel zu kurzen) Seite stammen von Dirck van Belden.

 

Zu meiner Homepage.

 

Im Schriftstellerheim Petzow durften junge Autoren eine Woche wohnen, die mit Spaziergängen in die Natur am Schwielowsee, vor allem aber mit dem Vorlesen und der Diskussion der eigenen Manuskripte sowie dem allabendlichen Besäufnis gefüllt wurde. Man hatte uns – warum auch immer – ein gemeinsames Zimmer zugeteilt. Otto verschwand relativ früh aus der Abendrunde, bei der außer Saufen auch Kettenrauchen auf der Nachtordnung stand. Er war Nichtraucher und Frühschläfer. Als ich gegen Mitternacht in meinem Zimmer eine Schachtel Cabinet aus meinen Vorräten holen wollte, schlief er bereits. Ich verschwand schnell zum Weitersaufen. Gegen 2.30 Uhr zu Bett. Um 5 saß Otto im Bett und biss in einen Apfel, dass es krachte. Damit war auch meine Nacht beendet. Am Vormittag gingen wir zum Heimleiter und sagten ihm, dass wir nichts gegeneinander haben, eher im Gegenteil, aber wir können unmöglich in einem Zimmer wohnen. Das sah er ein und brachte mich in einem kleinen Zimmer unter; so hatten wir beide Einzelzimmer. Wir sahen uns jeden Tag, liefen zur Schinkelkirche und zum Schloss am Schwielowsee, saßen im großen Raum, lasen unsere Texte vor, diskutierten. Dann erkrankte ein Jungautor, den Otto kannte; ich als Autobesitzer fuhr uns zum Krankenbesuch nach Potsdam. Dass wir auf keinen Fall in einem Zimmer wohnen konnten, ansonsten aber viel Zeit miteinander verbrachten und dabei über vieles (Literatur und Politik) ähnliche Ansichten hatten (und wenn nicht, konnten wir ohne Streit darüber reden), ließ uns im Idyll an der Havel Freunde werden.

Von Otto erschienen kurz nacheinander mehrere Bücher, darunter für den Urania-Verlag der vierte Band über Entdeckungsgeschichte (der Autor der ersten drei Bände war überraschend verstorben, Otto durfte drei weitere Entdeckerbücher schreiben. Das wurde gut bezahlt. Sein ihm selbst wichtigstes Buch "Papiersterne" (spielt 1968 in Paris: ein DDR-Bürger erlebt die Studentenrevolution {Otto war 68 vor Ort}) wurde aus der Ferne des Verlags beargwöhnt. Sein Lektor "Otto Matthies", schreibt Otto, "hatte die grandiose Idee, das Manuskript zur Begutachtung an Hartmut Mechtel zu schicken, von dem er wußte, daß er mit mir befreundet war. Die Sache war dadurch legitimiert, daß Hartmut häufig Gutachten für diesen Verlag schrieb. Auch bei meinem Amazonas-Roman war er der Außengutachter gewesen. Er wurde später als Autor von Sci-Fi-Texten und Kriminalromanen sehr bekannt." Sehr bekannt? Naja ...

Irgendwann fiel dem Cheflektor des Verlags auf, dass Otto mit den Pariser Anarchisten sympathisierte und gelegentlich über die reinliche Schüssel des Maximus-Lenimus-Eintopfs lästerte, statt brav zu löffeln. Er wurde einbestellt, der Cheflektor kritisierte ihn und forderte Veränderungen. Das von heute aus abstrus wirkende Gespräch hat Otto für seinen autobiografischen Roman "Selfie mit Blockhaus" rekonstruiert (siehe Ottos Homepage: https://ottoemersleben.wordpress.com/). "Am Schluß wurden vier Tage verschärften Teetrinkens beim Cheflektor daraus." Immerhin erschien der Roman, leicht entschärft. Die Schuld, dass Ottos Linienuntreue erst im letzten Moment bemerkt wurde, lud der Chef auf meine Schultern ab: 'Das euphorische Lektorat von Mechtel hat uns fehlgeleitet', erfuhr ich aus dem Verlag und verlor meinen Job als freier Gutachter, nicht lange, denn die Lektoren der Unterhaltungsbranche unterliefen das Verbot des Chefs. So wurde ich Gutachter für Krimis, Science Fiction und Abenteuerromane. Mein Gutachten war übrigens nicht (nur) unserer Freundschaft wegen euphorisch, sondern weil ich "Papiersterne" für ein gutes Buch hielt.


Ottos Datsche im Fläming war der Ort, an dem wir Dirck van Belden zur Welt brachten.

 

Teil 2: Wie wir Dirck wurden


Mein greiser IFA F8 kündigte mir die Gefolgschaft. Ich hatte kein Geld, mir einen neuen Gebrauchten zu kaufen. Mit Gutachten und Rezensionen hielt ich mich über Wasser, meine Belletristikversuche scheiterten. Otto hingegen hatte mehrere Bücher veröffentlichen können. Er hatte genug Geld, mir 6.000 Mark als Beihilfe für den Kauf eines gealterten Moskwitsch 412 zu borgen. Uns war klar, dass ich in näherer Zeit nicht genug für die Rückzahlung verdienen würde. Otto hatte einen Szenaristenlehrgang bei der DEFA besucht. Man erwartete, dass er nunmehr in der Lage sei, ein Filmdrehbuch zu schreiben. Da sagte er (sich und mir): Film bringt Geld. Und er beteiligte mich an der Arbeit.

Wir entwarfen eine abenteuerliche Story aus alten Zeiten. "Die Glocke von Vineta" hieß der erste Entwurf. Ein junger arabischer Kaufmann segelt, verlockt vom damals bereits legendären Reichtum Vinetas, nach Westen, dann nach Norden bis zum Fürstentum Rügen. Das mit dem Reichtum klappt natürlich nicht, er verliert Schiff und Ladung und gerät schließlich in den Konflikt der Nachbarstädte Stralsund und Schadegard. Die Stralsunder Patrizier mochten die Konkurrenz von nebenan nicht. Wizlaw II., der Rügener Fürst, stimmte "seinen geliebten Stralsunder Einwohnern" (wörtlich!) zu, die Nebenstadt zu zerstören. Es gibt nur zwei Dokumente, in denen der Name Schadegard vorkommt. Der fürstlichen Urkunde von 1269 folgte zwei Jahre später ein Dokument, das dem Stralsunder Gärtner die Bewirtschaftung des Schadegarder Friedhofs überlässt. Das bedeutet, die Stadt existierte 1271 nicht mehr. Und mittendrin lebt, liebt und kämpft der Entdecker aus dem Morgenland (das es als deutschen Begriff in der Mitte des 13. Jahrhunderts noch nicht gab; erst Luther übersetzte, die Besucher Jesu seien drei Weise aus dem Morgenland gewesen). Seitdem sehen wir am Abend gen Morgen. Der Filmvorschlag stieß nicht auf die Begeisterung, die wir erhofft hatten. Immerhin war ich nun in der DEFA-Dramaturgie so bekannt, als hätte ich Otto bei seinem Lehrgang begleitet.

Ich schlug der DEFA sofort nach der Ablehnung ein neues Projekt vor, die Verfilmung von Ottos Papiersternen. Daran arbeitete ich allein (nach Beratungen mit Otto), doch hatte die DEFA-Dramaturgie noch immer nicht ihre Liebe zu uns entdeckt. Aber ich flog nicht raus und durfte weitere Filmskizzen entwerfen. Und sehr langsam lief es besser. Skizzen wurden zu Exposés geweitet, den Exposés folgten Treatments, jede Etappe wurde gut bezahlt, obwohl ich nur zweimal ein Szenarium schreiben durfte: Alles wurde letztlich abgelehnt, aber gut bezahlt. Inzwischen erschienen auch ein paar meiner Erzählungen in Anthologien, die ersten beiden Kriminalromane machten sich auf den Weg. Und Otto hatte sowieso weiterhin Veröffentlichungen, auch wenn manche seiner Bücher es schwer hatten, sich an der Zensur vorbeizudrängeln. Aber der "Wir werden von Morgenländern entdeckt"-Stoff ließ uns nicht ruhen. Wir setzten uns ein paar Tage in Ottos Datsche zusammen und weiteten den Filmvorschlag zur Fernsehserie aus. Abgelehnt. Wir schlugen für die Rolle des arabischen Helden den vielleicht beliebtesten Schauspieler des Landes, zumindest den beliebtesten Indianerhäuptling-Darsteller vor, der auch in zwei westdeutschen Karl-May-Filmen Indianer gespielt hatte, ehe ihn die DEFA entdeckte (Gojko Mitic, geboren in Jugoslawien). Die Geschichte handelt - auch - von Ostseepiraten, aber der bei Funktionären beliebte Klaus Störtebeker kam nicht vor, das würden die da oben nicht haben wollen, sagte der Dramaturg.

Wir waren von der Qualität unserer Story überzeugt und gaben nicht auf. Dann schreiben wir eben das Buch zum nie gedrehten Film! Wieder trafen wir uns in Setzsteig, meist saßen wir im Freien, ich konnte Kette rauchen, ohne Otto zu belästigen. Wir stellten schnell fest, dass die Fernsehserie so genau entworfen war, dass sie als Grundlage für unseren Roman dienen konnte. Ein historischer Abenteuerroman, auf dessen Titel zwei Autorennamen stehen, wirkt nicht hinreichend seriös, dachten wir und suchten ein gemeinsames Pseudonym. Englisch? Nee, das machen alle, nee. Ich war gerade auf einem inneren Niederlande-Trip (plante einen historischen Stoff und lernte die Sprache), so wählten wir für den Vornamen einen niederländischen Entdecker: Dirck Hartog (in unseren Quellen stand er mit ck) hatte als zweiter Europäer Australien betreten und die Westküste kartografiert. Hingelangt war er, indem er sich gründlich verfahren hatte. Das passte. Dirck van also. Und weiter? Irgendwann scherzte Otto: "Wir wollen doch in Bälde fertigwerden. Nennen wir uns Dirck van Belden." Sofort wussten wir, dass das unser Name sein musste. Wir hatten einen ähnlichen Humor.

Nun teilten wir auf, wer welches Kapitel schreibt, immer im Wechsel. Dann reisten die beiden Dircke ab, Otto nach Greifswald, ich nach Potsdam. Und wir schrieben wie im Rausch. Zwei Tage reichten für ein Kapitel. Das fertige Kapitel wurde zur Post gebracht (die E-Mail war noch nicht erfunden oder zumindest nicht bis in die DDR vorgedrungen) und als Eilbrief dem anderen Dirck überbracht. Bis auf die beiden ersten Kapitel wurden alle Briefe zuverlässig am Morgen nach dem Absenden zugestellt. Die zwei ersten Briefe wurden vermutlich in einer verschwiegenen Behörde geöffnet und gelesen, wir beide waren ohne unser Wissen einer 'operativen Personenkontrolle' unterworfen Dann begriff die Stasi, dass wir keine aufrührerischen Schriften austauschten, sondern einen historischen Roman verfassten. Fortan wurde die Eilzustellung der dicken Briefe nicht mehr behindert.

Dirck van Belden selbdritt: Dirck (O), Dirck (H ), Dircks Strandrecht

Nach etwas über einem Monat intensiver Arbeit hatten wir es geschafft. Da wir vor dem Weiterschreiben stets die Kapitel des anderen genau studierten, entwickelten wir einen verträglichen Stil, gegenseitige Korrekturen waren kaum notwendig, und die Spezifika der Geschichte hatten wir beide studiert. Mehr als 20 Jahre später lasen wir (unabgesprochen, doch relativ gleichzeitig) in unseren alten Werken. Otto las Mechtel, ich las Emersleben. Und beide lasen wir van Beldens Roman. Im April 2021 mailte mir Otto (unter anderem): "... Zwei Dinge haben mich überrascht: 1. die Homogenität des Textes. (Nur an ganz kleinen Besonderheiten lässt sich der Autor des Texteabeschnitts festmachen) und 2. dass ich ausser der grossen Storyleine mich an kaum ein Detail der Story erinnern konnte. Ja, die Vergreisung schreitet unaufhaltsam fort. – Strandrecht ist und bleibt ein gutes Buch. Das walte Dirck."

 

Teil 3: Das walte Dirck

Ab 1988 waren wir Dirck. Bei Begegnungen, am Telefon, in Briefen, ab 1998 auch in Mails, redeten wir das alter ego als Dirck an. Doch gibt es nur ein Buch, das Dirck van Belden verfasst hat. Die Verlage sträubten sich, unseren nome de plum auf die Cover zu drucken. Sie wollten unsere angeblich echten Namen verwenden.

Es gab noch zwei van Beldens, bei denen Dirck totgeschwiegen wurde. Unser zweiter Belden waren J.F. Coopers Lederstrumpferzählungen. Zur Zusammenarbeit kam es mal wieder durch einen außerliterarischen Zufall. Otto war vom Verlag Neues Leben beauftragt worden, alle fünf Romane neu zu erzählen: Knapper als das (oft weitschweifig genannte) Original, doch werkgetreu. Mit der Ausgabe sollte Cooper zu seinem 200. Geburtstag geehrt werden. Nun hatte Otto aber bei einer Dienstreise in die USA zu einer Tagung über deutsche Literatur eine Germanistikdozentin kennengelernt, der er unbedingt so schnell wie möglich wieder begegnen wollte. Helen Cafferty lehrte am Bowdoin College in Brunswick/Maine.

An der nämlichen Universität hatte ein Jahrhundert früher der (heute) berühmte Robert Edwin Peary vier Jahre lang studiert. Über den Entdecker des Nordpols konnte ein ausgewiesener Autor der Entdeckungsgeschichte der Erde (drei Bände!) eine Biografie schreiben, recherchieren musste Otto vor Ort – nicht am Pol, sondern in Brunswick. Aber der Lieferungstermin für den Lederstrumpf-Zyklus stand fest, Coopers Geburtstag konnte nicht verschoben werden. Der erste Roman ("Wildtöter") war fertig, doch vier weitere Romane bis zum Reisetermin zu schaffen war unmöglich. Dirck aktivierte Dirck. Otto schrieb Band 2 und 4, ich übernahm Band 3 und 5. Danach entschwand Otto gen Maine. Die "Lederstrumpferzählungen" erschienen Ende 1989. Da wendete sich gerade die DDR, es gab Ungewohnteres auf den Straßen, van Beldens Cooper fand kein öffentliches Interesse, obwohl es ein gutes Buch ist (besser als das Original, übertreiben die Dircke gern mal).

Otto recherchierte vor Ort Pearys Leben und Wirken. Die Biografie erschien 1991. Kurz danach schlug ich ihm vor, den Fortsetzungsband zu "Strandrecht" zu schreiben, den wir beide drei Jahre früher in der Euphorie über unseren ersten Belden kurz nach dessen Fertigstellung entworfen hatten. Asis ibn Omar (den Vornamen hatte ich von einem syrischen Studenten übernommen, dessen Betreuer ich beim Studium gewesen war; der Vatersname war eine dezente Anspielung auf Hadschi Halef Omar) hat die Auseinandersetzung der Städte Stralsund und Schadegard überlebt und sogar sein repariertes Schiff erobert und will mit seinen Leuten (den wenigen Überlebenden der alten Mannschaft und neuen Freunden und Bekannten) nach Palästina segeln. Widrige Winde treiben ihn westwärts. Er gelangt nach Amerika, genauer: nach Norumbega. Das ist eine sagenhafte Stadt, in der entweder Indianer oder Wikinger siedelten; sie gilt als Eldorado Nordamerikas. In Bangor/Maine hat man die Legende durch eine Halle, später einen Turm geehrt. Und ein Dirck lebte inzwischen in Bangor. Otto war durchaus angetan von der Idee, unseren Asis nun auch noch Amerika entdecken zu lassen (vor den Fahrten von Columbus und Amerigo Vespucci).

Trotzdem wurde nichts aus dem Projekt. Otto hatte nach Querelen mit dem alten Verlag die Strandrechte erobert; er wollte das Buch in einem neu gegründeten Mecklenburger Verlag reanimieren. Der Verlag geriet auf dem sturmgegepeitschten Westozean in Seenot. Und es war wohl nicht die klügste Idee, den zweiten Band zu einem Roman zu schreiben, den es längst nicht mehr gab. Die Reihe "Spannend erzählt" war auch verschwunden. Und die Welt wartete wohl auch nicht auf den neuen Belden. Generell ging es in den ersten Jahren nach der Vereinigung den Verlagen und vielen Autoren aus Ostdeutschland nicht blendend. Die neueren Werke der Dircke wurden immerhin gedruckt, allerdings in lächerlichen Auflagen. Meine wenigen vor 1989 gedruckten Texte hatten immerhin eine Gesamtauflage von einer Dreiviertelmillion, Ottos Bücher hatten mit Sicherheit die Million weit überschritten. Als wir Westler (gar Amerikaner) wurden, galten 2000 verkaufte Bücher fast schon als Erfolg. Das Honorar verirrte sich im Nebel.

Ich war inzwischen beim Argument Verlag Hamburg gelandet. Für dessen "Zweite Reihe" wurde mir eine Übersetzung aus dem Amerikanischen angetragen. Ein Fall für van Belden, da der halbe Dirck unter Amerikanern lebte. Ich konnte gut englisch, hatte bereits vorher übersetzt, aber bei einem sich übermütig gebärdenden Roman über schwule Baseballspieler und lässige Alltagssprecher schien mir die Mitarbeit eines echten Mainers (der im Unterschied zu mir sogar schon mal ein Baseballspiel live gesehen hatte) eine gute Idee zu sein. Obwohl uns der Atlantik trennte, konnten wir gut zusammenarbeiten. Otto entzifferte den Roman für mich auf Tonband, ich las den Text gleichermaßen und übersetzte ihn nach Dircks Vorarbeit, wobei ich, um den Text zu verbessern, sogar eingriff und die Reihenfolge zweier Kapitel änderte und für viele (hierzulande kaum verständlichen) Scherze und satirische Details des Originals deutsche Entsprechungen erfand. Ottos Frau Helen war vielleicht die einzige Leserin, die die amerikanische und die deutsche Fassung gleichermaßen verstand. Sie sagte mir (und meinte es ernst), dass die deutsche Übersetzung besser sei als das Original.

Den (verbesserten, aber immer noch ein wenig albernen) Roman "Das Baseball-Outing" als Dircks Hinterlassenschaft an die Welt zu betrachten, ist nicht ganz abwegig. Auf der Titelseite stehen wieder mal unsere bürgerlichen Namen. Unter denen wir schrieben, ich hauptsächlich Kriminalromane, Otto alles Mögliche zwischen Biografien und Zeitromanen. "Novembermärchen. Keine bleibende Stadt" war eine Art Fortschreibung der "Papiersterne" durch die Namen der Zentralfiguren. Horn war im ersten Buch – 1968 – quasi der Stellvertreter des Autors und des Lesers, der mit den protestierenden Studenten sympathisierte und sogar mal auf eine Barrikade geriet. 20 Jahre später ist er angepasst an das System und wird gar Stasi-Spitzel. Der Thomas Helms Verlag (spezialisiert auf Literatur über Nordmecklenburg {den Raum nahe der Ostsee}) hat seinen Sitz in Schwerin, doch die Buchpremiere fand im Theater o.N. statt, das ich damals leitete. Die Widmung in meinem Exemplar lautet: "Dem Dirck vom Dircke."

In den Jahren danach sahen wir uns, wenn Otto und Helen um die Welt reisten (ich hatte sie in Brunswick besucht, das ist lange her). Wir schickten uns viele Mails, die oftmals von epischer Länge waren. Ich ging einem Lohnjob nach; mein letzter Roman erschien 2002, danach gab es nur noch (wenige kurze) Erzählungen und (noch weniger, doch immerhin lange) Theaterstücke. Otto verfasste unermüdlich Bücher, von denen etliche nicht auf Papier veröffentlicht wurden. Ich las, was er schrieb, und kommentierte es. Dirck begutachtete Dirck übers Meer hinweg. Mit anderen Worten: Dirck blieb Dirck, auch als jeder für sich schrieb oder verstummte.

In den letzten anderhalb Lebensjahren beantwortete er keine Mails; sein Telefon reagierte, als sei es abgeschaltet. Ich stelle mir vor, dass er durch die Erkenntnis der Wirkungslosigkeit niedergedrückt wurde. Er war ein guter Autor, wusste er; ich hatte ihm das natürlich auch gesagt. Warum lasen so wenige seine Bücher, warum fassten Verlage seine Manuskripte mit spitzen Fingern an?

Es gab freilich auch Fans. Zwei davon gründeten 2003 eigens zur Veröffentlichung eines Emersleben-Romans einen Verlag: Florstedt und Greis nannten sie ihn (das waren ihre Namen). Das Buch heißt "In den Schründen der Arktik". Darin reist Peary polwärts. Dass Peary möglicherweise nicht bis zum Pol gelangt war, stand bereits in der Biografie. Vermutlich war Peary Polarforscher und Schwindler zugleich. Das konnte nur ein anderer Schwindler erzählen. Karl May hatte die Welt erst bereist, als seine Bücher mit phantastischen Abenteuern längst verlegt waren. Und May trifft im Roman fast jeden, der zwischen 1904 und 1910 wichtig war – Präsident Rooseveldt, den Zaren, den deutschen Kaiser; er begegnet Raskolnikow und berät den künftigen Hauptmann von Köpenick. Die Präsidenten all over the world berät er allesamt. Er trifft die Polarforscherrivalen Cook und Peary; mit letzterem wandert er, verkleidet als Eskimo, bis zum Nordpol. Alles, was im Buch erzählt wird, ist wirklich geschehen. Nur dass Karl May wohl nicht zugegen war. Voller Übermut wird eine und die Geschichte erzählt. Das Buch (zugleich ein großer Spaß und Ernst, Satire und Historie) verkaufte sich nicht gut genug, als Otto mit einem Fortsetzungsband vorbeikam, konnte der nicht verlegt werde. Florstedt & Greis blieb ein Einbuchverlag.

Dabei ist "Der Streit um den Nordpol" noch übermütiger verfasst als die Schründe. Sogar Aliens kommen vor. Und eine Schamanin, die den Geist reisen lassen und dabei den Körper mitführen kann. Und Kaiser und Könige. May ist beim Attentat in Sarajewo zugegen. Was? May ist doch schon 1912 gestorben. Hier überlebt er seinen Tod, denn die Welt braucht ihn noch.

"Spuren aus dem Nichts" (immerhin als Kindle-Ausgabe zu erwerben) schildert 'Die andere Reise' des Columbus. Würde Amerika nicht im Weg lauern, hätte er möglicherweise tatsächlich Ostasien erreicht. Wenn man das liest, ist man sicher, dass alles genauso geschehen ist. Wieder einmal ist das schmale Buch ernsthaft und zugleich ein großer Spaß. – Ottos Sachbücher lohnen die Lektüre. Die Gegenwartsromane sind lesbar. Unsere gemeinsam verfassten Bücher sind solide Arbeiten, der Autor Dirck van Belden war besser, als sein Bekanntheitsgrad vermuten lässt. Mit Otto starb auch Dirck van Belden, denn ohne Dirck kann ich nicht Dirck bleiben. Das Ungewöhnlichste sind Ottos alternativhistorischen Texte. Gibt es noch jemanden, der Geschichte und Satire so wild verflechten kann? Man wird seine Stimme innerhalb der deutschen Literatur vermissen. Oder auch nicht. Seine Nachwende-Belletristik wurde ja bereits in ihrer Entstehungszeit wenig gelesen. Zu wenig. Ich hoffe, dass Otto eines Tages wiederentdeckt wird. Alles andere wäre eine Vergeudung von Können.

Schlittenhunde erstürmen den Nordpol – wie Peary, May und Belden (auf einer zeitgenössischen Grafik, ca. 1910).

Dank Strom ohne Brücke lernten sich die späteren Dircke kennen.

Seine Erlebnisse im revolutionären Mai 1968 in Paris legte Otto den Papiersternen zugrunde. Der Protagonist will oder soll auf einer Messe Planetarien verkaufen. Fast wie im richtigen Leben, in dem Otto der Welt Filme präsentierte statt Planetarien: Bevor er sich zum freien Schaffen entschloss, außenhandelte Otto nicht für Karl Zeiss Jena, sondern für Original Wolfen (ORWO).

 

Strandrecht ist Dircks Klassiker. In Zeiten der Kreuzzüge freundet sich der Kaufmannssohn Asis mit einem verwundeten jungen Kreuzfahrer an, der ihm Sagenhaftes aus seiner Rügenschen Heimat vorschwärmt. Das Land, in dem Milch und Honig, Gold und Bernstein fließen, will Asis entdecken. Er findet es, doch ist es weniger toll als gehofft.

Die Anthologie mit Seeräuberstories war kein ganz echter Belden, aber irgendwie dann doch. Der Herausgeber (das war ich) hatte den Jungautor Otto Emersleben unter Weltliteraten gemixt.

Lederstrumpf sind fünf Romane in einem großen Buch: Wildtöter, Der letztze der Mohikaner, Pfadfinder, Die Ansiedler, Die Prärie. Neu erzählt von Dirck van Belden. Mit Illustrationen von Max Slevogt.

Das Baseball-Outing ist Social Phantasy und Gesellschaftssatire. Jn der scheinbar sauberen Welt des Baseballs sind schwule Spieler Kassengift. Ein Clubbesitzer will viel Geld verdienen und wird mit gemeinen Aktionen letztlich zum Wohltäter ballspielender Gays.

Mit Robert Edwin Peary fand Otto einen zweifelhaften Helden, auf den er später in zwei Romanen zurückkam.

In den Schründen der Arktik: Auf dem Cover sehen wir Robert Peary, rechts neben ihm posiert Karl May (war der etwa wirklich dabei? Als Eskimo verkleidet?) und den friedlich und freundlich wirkenden Leithund.

Eine Wiedervereinigung der Dircke in Berlin.

10 Jahre später gab es eine weitere Wiedervereinigung der Dircke in Berlin. Dazwischen und danach natürlich auch.

Ich bin viel und weit durch die Welt gereist. Otto ist mindestens doppelt so oft wie ich in noch fernere Weiten gereist – bis ins hohe Alter. - Hier tanzt er mit seiner Frau Helen auf einer Hochzeit in Italien. Offenkundig haben wir alle viel Spaß. Oder hatten ihn damals.